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Ausstellung
GROUP EXHIBITION
Risse im Eis. Aus der Sammlung Lambsdorff
DATUM 11. Apr. 2026 - 08. May. 2026 Ort DIEHL ERÖFFNUNG 10. Apr. 2026 19:00

Nikita Alexeev, God Forgive the Commies!, 1988, Mischtechnik auf Wachstischtuch, 138 x 200 cm

Kuratiert von Evgenia Kiseleva-Afflerbach

 

Die Galerie Volker Diehl zeigt erstmals einem breiten Publikum Werke aus der Sammlung Lambsdorff, die in den 1980er-Jahren in der UdSSR zusammengetragen wurde. Aus dieser umfangreichen Sammlung – in internen Kreisen authentisch als „Kollektsija“ bezeichnet –, die die wichtigsten Namen der inoffiziellen Kunst der späten Sowjetzeit umfasst, präsentiert die Ausstellung Arbeiten von Nikita Alexejew, Sven Gundlach, Eduard Steinberg, Wladimir Jakowlew, Anatoli Slepyshew und Andrei Roiter.

 

All diese Künstler suchten auf ganz unterschiedliche Weise ihre eigene künstlerische Stimme unter den Bedingungen von Zensur, Verschweigen und internationaler Isolation. Gräfin und Graf Lambsdorff wurden auf sie aufmerksam, lange bevor ihre Werke Eingang in die bedeutendsten Museen und in kunsthistorische Lehrbücher fanden. Trotz ihres eher kammerartigen Umfangs erscheint diese Ausstellung als ein bedeutendes Ereignis, ist die Sammlung doch sowohl für die Kunstgeschichte als auch für die Geschichte im Allgemeinen wertvoll. „Sie bewahrt einen Abdruck ihrer Zeit – von Realitäten, Experimenten, Emotionen und auch Humor“, so Kuratorin Evgenia Kiseleva-Afflerbach. „Dieser Abdruck ist ebenso mit der Entdeckung des Exotischen verbunden wie mit dem Wiedererkennen des Vertrauten im radikal Anderen.“

 

In der Ausstellung versammelt sind Werke, die im Zeitraum zwischen 1979 und 1989 entstanden sind – eine Zeit großer Hoffnungen, der Suche nach neuen Orientierungen und nach einer gemeinsamen Sprache mit der internationalen Öffentlichkeit. Gezeigt werden Künstler unterschiedlicher Strömungen und Generationen. „Was diese Künstler verbindet, ist letztlich vielleicht nur eines: die Absage an die Dogmen des sozialistischen Realismus und die Suche nach alternativen Formen künstlerischen Ausdrucks“, so die Kuratorin. Unter den Bedingungen ideologischer Kontrolle und Repression wurde der Nonkonformismus zu einer Form der Existenz außerhalb des Systems – mit einer eigenen kritischen Distanz, einem spezifischen Humor und einer unablässigen Dynamik der Suche nach Neuem.

 

Nikita Alexejew (1953–2021) Als Mitglied der Gruppe „Kollektive Aktionen“, Mitbegründer des MANI-Archivs und Gründer des ersten unabhängigen Kunstraums „APTART“ erforschte er unter dem Einfluss Ludwig Wittgensteins die Kluft zwischen Signifikant und Signifikat, wobei er westlichen Konzeptualismus, Pop Art, Absurdes, russische Gefängnisästhetik und Massenkultur frei verband. Seine auf sowjetischen Wachstuchtischdecken entstandenen Arbeiten bewegen sich an der Schnittstelle von bildender Kunst und Poesie. Ausstellungen, die von der Nikita-Alexeev-Stiftung unterstützt werden, sind derzeit in Moskau (XL Gallery) und in Paris (Iragui Gallery) zu sehen.

 

Sven Gundlach (1959–2020) war Mitbegründer der Konzeptkünstlergruppe „Muchomor“ sowie Mitglied des Ensembles „Srednerusskaja woswyschennost“ („Mittelrussische Platte“). Seine Praxis basierte auf Sprache als Analyseinstrument der Realität, nutzte Parodie und Ironie zur Dekonstruktion sowjetischer Klischees und verwischte bewusst die Grenzen zwischen Performance, Malerei und Text – unter anderem in Projekten mit APTART und „Kollektive Aktionen“. Nach zahlreichen internationalen Ausstellungen zog er sich in den 1990er Jahren unerwartet aus der Kunst zurück; seine Werke befinden sich unter anderem in der Tretjakow-Galerie, im Museum Ludwig Köln und im Zimmerli Art Museum.

 

Eduard Steinberg (1937–2012) entwickelte ab Mitte der 1960er Jahre eine eigenständige geometrische Abstraktion. In den 1970er Jahren Mitglied der Gruppe „Sretensky Boulevard“ und Teilnehmer der legendären Bulldozer-Ausstellung, arbeitete er ab 1988 mit der Pariser Galerie Claude Bernard zusammen; seine Werke sind von dem Bestreben durchdrungen, Form als geistiges System neu zu denken, wobei Erde und Himmel, Licht und Dunkelheit, Leben und Tod zu den grundlegenden „Materialien“ seiner Kunst werden. Seine Werke befinden sich heute unter anderem in den Sammlungen der Staatlichen Tretjakow-Galerie, des Staatlichen Russischen Museums, des Puschkin-Museums für bildende Künste, sowie der Albertina in Wien.

 

Wladimir Jakowlew (1934–1998), Autodidakt, arbeitete als Kurier und Retuscheur im Verlag „Iskusstvo“, bevor er sich der inoffiziellen Kunst zuwandte. Der nahezu blinde Künstler, der einen Großteil seines Lebens in psychiatrischen Einrichtungen verbrachte, nimmt innerhalb der russischen Nonkonformisten eine singuläre Stellung ein: Seine Werke strahlen eine kaum fassbare Harmonie der Welt aus, die sich dem gewöhnlichen Sehen entzieht – international debütierte er 1970 in der Galerie Gmurzynska in Köln, gefolgt von Ausstellungen in Lugano, Bochum, Venedig und vielen weiteren Städten. Seine Werke befinden sich heute in zahlreichen russischen und internationalen Museumssammlungen.

 

Anatolij Slepyschew (1932–2016) Sein Stil ist dem lyrischen Expressionismus zuzuordnen: Er stellt Schwedenden Menschen, windgepeitschte Weiten und endlosen Himmel dar, wobei seine levitierenden Bauernfiguren ihre physische Schwere verlieren und zwischen irdischer Erfahrung und Transzendenz schweben. Von 1990 bis 1996 lebte und arbeitete er in Paris mit etwa 30 Einzelausstellungen, seine Werke befinden sich in den Sammlungen der Staatlichen Tretjakow-Galerie, des Staatlichen Russischen Museums, des Puschkin-Museums für bildende Künste, des Ludwig-Museums, des Zimmerli-Museums etc.

 

Andrei Roiter (geb. 1960 in Moskau) studierte am Moskauer Architektur-Institut und war 1985 einer der Gründer des Künstler-Squats „Kindergarten“; er zählt zu den wenigen Perestroika-Künstlern, die im Westen eine erfolgreiche Karriere machten. Als Konzeptkünstler arbeitet er in Malerei, Grafik, Fotografie, Objektkunst und Installation – im Zentrum steht die Praxis des Sammelns von Bildern und Artefakten auf seinen Reisen, eine Art metaphysischer Tourismus durch eine Welt von Bild- und Symbolwelten. Seit 1990 fanden seine Einzelausstellungen in vielen Ländern statt, darunter die Niederlande, Deutschland, USA und Japan, seine Werke befinden sich in der Tretjakow-Galerie, im Centre Pompidou, im Lenbachhaus, im Stedelijk Museum, im SFMoMA und zahlreichen Privatsammlungen; seit 1990 lebt er in Amsterdam und pendelt zwischen seinen Ateliers in Amsterdam und New York.