
Irina Zatulovskaya, Drei Figuren in roten Hemden, 2007, Öl auf Eisen, 67 x 100 x 12 cm © die Künstlerin, Foto: Marcus Schneider
Irina Zatulovskaya (*1954) trat während der Jahre der Perestroika in der Moskauer Ausstellungsszene hervor, einer Zeit, als die Zensur nachließ und nichtkonforme künstlerische Praktiken zunehmend sichtbar wurden. Entgegen der traditionellen Leinwand wandte sie sich rauen Fundmaterialien zu, wie etwa Blechplatten, Holzfragmenten Kalkstein oder Stoffen.
Ihre Vorliebe für steinerne Materialien entwickelte sich Ende der 1980er Jahre und enstammt einer frühen Faszination für die Freskomalerei. Selbst bei kleinformatigen Arbeiten bewahrt ihre Kunst eine monumentale Wirkung. Biblische Themen ebenso wie Szenen aus dem bäuerlichen und dörflichen Leben bilden zentrale Werkzyklen, die häufig ineinander übergehen und eine Weltsicht nahelegen, in der das Alltägliche von sakraler Bedeutung durchdrungen ist. Zatulovskaya ist auch Poetin, und Literatur spielt eine zentrale Rolle in ihrem Werk. Sie schuf umfangreiche Porträtserien von Künstlern, Denkern und Schriftstellern – von Sokrates und Platon bis hin zu Fjodor Dostojewski. Trotz der scheinbaren Leichtigkeit und Einfachheit ihrer Bildsprache ist Zatulovskayas Kunst tief im visuellen Gedächtnis der Weltkultur verwurzelt, von der antiken Malerei bis zur Avantgarde des 20. Jahrhunderts.
Ihr Werk wird häufig als Arte Povera bezeichnet. Diese Zuschreibung ist jedoch nicht ganz zutreffend. Im Gegensatz zur italienischen Bewegung, die 'arme' Materialien nutzte, um die Malerei zugunsten konzeptueller Installationen und Performances aufzulösen, hat Zatulovskaya die Malerei selbst nie aufgegeben. Die gefundenen Objekte fungieren als Bildträger von Gemälden, die in engem Dialog mit der Textur, der Form und der Geschichte des Materials entstehen.
In Zatulovskayas künstlerischer Praxis bestimmt daher oft das Material das Bild. Rost, Risse und abgeplatzte Oberflächen sind integrale Bestandteile des Motivs. Antike Fragmente laden zu antiken Bildwelten ein; Holztafeln erinnern in Form und Oberfläche an die Ikonenmalerei. Häufig entsteht der Eindruck, als habe das Bild bereits im Objekt existiert und müsse lediglich freigelegt werden. Dies entspricht ihrem Verständnis von Realismus – nicht im ideologischen, sondern im philosophischen Sinn: Die physische Realität des Bildträgers muss der Wahrheit des Bildes entsprechen.






